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Phytotherapie bei SIBO – SIBO mit Heilpflanzen behandeln
Bakterielle Fehlbesiedlungen: nicht nur im Dickdarm
Der Darm ist eines der faszinierendsten Organe unseres Körpers – ein komplexes Ökosystem, in dem Billionen von Mikroorganismen in einem fein abgestimmten Gleichgewicht leben. Gerät dieses Gleichgewicht durcheinander, kann es zu vielfältigen Beschwerden kommen. Meistens wird vor allem die Fehlbesiedlung im Dickdarm, die Dickdarmdysbiose, berücksichtigt. Sie kann mithilfe einer Stuhlanalyse oder DNA-Mikrobiomanalyse diagnostiziert und mit einer Darmsanierung behandelt werden. Eine weniger bekannte Störung des Bakteriengleichgewichts ist die sogenannte SIBO, die Small Intestinal Bacterial Overgrowth – eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms. In den letzten Jahren ist sie zunehmend in den Fokus von Forschung und naturheilkundlicher Therapie geraten, da sie häufig an chronischen Verdauungsbeschwerden, Reizdarm, Müdigkeit und Nährstoffmangel beteiligt ist.
Was ist SIBO?
Unter normalen Bedingungen ist der Dünndarm relativ arm an Bakterien. Die Verdauungssäfte und die Bewegungen der Darmwand (Peristaltik) sorgen dafür, dass die meisten Mikroorganismen im Dickdarm verbleiben. Bei SIBO ist dieses Gleichgewicht gestört: Bakterien, die eigentlich in den Dickdarm gehören, wandern in den Dünndarm und vermehren sich dort übermäßig. Es handelt sich hierbei um eigentlich für uns wichtige Darmsymbionten. Doch sind sie am falschen Platz, machen sie Probleme:
Im Dünndarm angelangt verstoffwechseln die Dickdarmbakterien Nährstoffe vorzeitig und produzieren dabei Gase wie Wasserstoff und Methan. Das kann mit typischen Beschwerden wie Blähungen, Völlegefühl, Bauchschmerzen, Durchfälle oder Verstopfung einhergehen. Die Symptomatik hängt davon ab, welche Gase dominieren. (1) Die im Dünndarm produzierten Gase werden im Rahmen einer SIBO-Diagnose gemessen.
Ursachen und herkömmliche Therapie
Die Ursachen für SIBO sind vielfältig: Eine gestörte Darmmotilität, etwa nach Magen-Darm-Infekten oder Operationen, eine Schwäche der Bauchspeicheldrüse, hormonelle Veränderungen oder auch eine gestörte Magensäureproduktion können dazu beitragen. Häufig spielt SIBO auch bei Reizdarmsyndrom, chronischer Müdigkeit oder Autoimmunerkrankungen eine Rolle. (2)
Die traditionelle SIBO-Therapie sieht den Einsatz von Antibiotika wie Rifaximin vor, die gezielt im Darm wirken. Doch die Rückfallraten sind hoch, und viele Patienten suchen nach sanfteren, nachhaltigeren Alternativen. Hier kommt die Phytotherapie ins Spiel.
Heilpflanzen bei SIBO – das sagt die Forschung
In den letzten Jahren haben mehrere Studien gezeigt, dass pflanzliche Extrakte eine mit Antibiotika vergleichbare Wirkung haben können. Und das mit deutlich weniger Nebenwirkungen. Besonders interessant ist eine im Jahr 2024 erschienene randomisierte klinische Studie der Universität von Valencia (Spanien). Sie untersuchte, ob pflanzliche Präparate und Probiotika die Wirksamkeit von Antibiotika und Ernährungshinweisen bei SIBO verbessern können.
Das Forschungsteam fand heraus, dass Pflanzenextrakte mit antimikrobieller und entzündungshemmender Wirkung in Kombination mit einer geeigneten Ernährung und probiotischer Begleittherapie zu einer deutlichen Reduktion der Symptome führten. Aber auch die im Dünndarm unerwünschten Bakterien konnten zurückgedrängt werden: In manchen Fällen zeigten sich die pflanzlichen Präparate ebenso effektiv wie Antibiotika bei der Reduktion pathogener Bakterien und der Verbesserung des Wohlbefindens. Zu den untersuchten Pflanzen zählten: Oregano (Origanum vulgare), Thymian (Thymus vulgaris), Berberitze (Berberis vulgaris) und Neem (Azadirachta indica). (3)
Die Ergebnisse dieser Studie lassen sich mit anderen Untersuchungen vergleichen. Eine 2014 veröffentlichte Publikation untersuchte neben den oben erwähnten Pflanzen auch Ingwer (Zingiber officinale), Süßholz (Glycyrrhiza glabra) und Wermut (Artemisia absinthium). Auch diese Pflanze zeigten – in der richtigen Kombination – eine mit Rifaximin vergleichbare Wirkung bei SIBO. (4)
Auch diverse Pflanzen aus der TCM dürften einer Studie nach wirksam bei SIBO sein. (5)
Wie Heilpflanzen bei SIBO helfen können
Heilpflanzen können bei SIBO auf unterschiedlichen Wegen nützlich sein. Sie können direkt schädliche Keime bekämpfen (antibiotische Wirkung), nützliche Bakterien fördern (probiotische Wirkung), die bei SIBO häufig anzutreffenden Verdauungsbeschwerden lindern und die Verdauungsleistung stärken.
Das Öl von Oregano enthält zum Beispiel die aktiven Substanzen Carvacrol und Thymol. Diese destabilisieren bakterielle Zellmembranen und hemmen dadurch schädliche Mikroben, ohne das gesamte Mikrobiom zu zerstören. Ähnlich wirkt Thymian, dessen ätherische Öle zusätzlich die Schleimhäute schützen und Entzündungen lindern.
Eine andere wichtige Heilpflanze bei SIBO ist die Berberitze (Berberis vulgaris), deren Alkaloid Berberin in mehreren Studien antimikrobielle, motilitätsfördernde und entzündungshemmende Wirkungen zeigte. Berberin kann zudem die Schleimhautbarriere stärken und die Darmperistaltik normalisieren – zwei entscheidende Faktoren für die Rückbildung einer bakteriellen Fehlbesiedlung. (6) Berberin besitzt aber auch ein leichtes toxisches Potenzial bei unsachgemäßer Anwendung.
Auch Neem, eine Pflanze aus der ayurvedischen Medizin, besitzt antibakterielle und antiparasitäre Eigenschaften, während Knoblauch (Allium sativum) mit seinem Wirkstoff Allicin gegen Methanbildner im Darm aktiv sein kann. Methanbildner sind Mikroorganismen, die häufig bei SIBO Probleme machen können.
Neben diesen antimikrobiellen Pflanzen kommt in der naturheilkundlichen Therapie auch den pflanzlichen Bitterstoffen und Schleimstoffen eine Rolle zu. Bitterstoffe aus Enzian (Gentiana lutea), Wermut oder Löwenzahn (Taraxacum sect. Ruderalia) regen die Sekretion von Verdauungssäften an, fördern die Gallentätigkeit und unterstützen die Selbstreinigung des Darms. Schleimstoffe, etwa von Eibisch (Althea officinalis) oder Leinsamen (Linum usitatissimum), beruhigen gereizte Schleimhäute und fördern die Regeneration.
Die bisherigen Erkenntnisse zum Einsatz von Heilpflanzen bei SIBO sind aussichtsreich. Wir betonen aber, dass sie bisher nicht zeigen, dass die alleinige Anwendung von Heilpflanzen herkömmliche Therapie ersetzen kann.
Heilpflanzen allein reichen nicht
Eine SIBO-Therapie bedeutet mehr als nur „Bakterien abtöten“. Die Darmflora ist ein sensibles Ökosystem, das nach einer Behandlung sanft wiederaufgebaut werden muss. Daher sollen antimikrobielle Pflanzenextrakte in Kombination mit Ernährungsumstellung und Probiotika angewandt werden, ein Konzept, das wir auch in unserer Praxis verfolgen. Auch Präbiotika können hier eine wichtige Rolle spielen sowie Maßnahmen zur Stressregulation wie zum Beispiel MBSR. Denn die Darmgesundheit hängt eng mit dem vegetativen Nervensystem zusammen – das bedeutet, dass auch psychische Belastung, Angst oder dauerhafter Stress das Darmmilieu beeinflussen. (7)
Außerdem sollten individuelle Ernährungsgewohnheiten oder Erkrankungen wie zum Beispiel Reizdarm beachtet werden. Ob diese Maßnahmen im Einzelfall ausreichen oder durch ein Antibiotikum ergänzt werden müssen, entscheiden wir anhand der Ergebnisse der SIBO-Diagnostik und den individuellen Beschwerden. Sie geben darüber Aufschluss, wie stark die Bakterienfehlbesiedlung im Dünndarm ist.
Unser Empfehlung
Die Phytotherapie kann eine sanfte, wirksame und nachhaltige Alternative oder Ergänzung zu herkömmlicher SIBO-Behandlung sein. Heilpflanzen wirken nicht nur antibakteriell, sondern regulieren Entzündungsprozesse, stärken die Schleimhaut, fördern die Verdauung und unterstützen das Immunsystem. Am aussichtsreichsten ist hierfür ein individuelles Pflanzenrezept, das auch wir in unserer Praxis erstellen. Es berücksichtigt die individuelle Ausprägung der Fehlbesiedlung und der Beschwerden und kann im Behandlungsverlauf angepasst werden. Von einer Selbstbehandlung mit Heilpflanzen oder den aus ihnen gewonnen ätherischen Ölen raten wir ab. Manche Heilpflanzen können bei unsachgemäßer Anwendung zu Wechsel- oder Nebenwirkungen führen, bzw. sind auch Gegenanzeigen zu beachten!
Wichtig: Heilpflanzen allein reichen in der Regel nicht aus. Auch Ernährung, Stressregulation und Bewegung spielen eine wichtige Rolle. Unsere Erfahrung zeigt: Werden die verschiedenen Aspekte in einem individuellen und ganzheitlichen Konzept kombiniert, kann dies bei SIBO Erfolge zeigen.
Quellen
(1) Sellge G, Ockenga J. Bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms (SIBO) – Therapie, Ernährung, Mikrobiom [Small intestinal bacterial overgrowth (SIBO) – Therapy, nutrition, microbiome]. Dtsch Med Wochenschr. 2024 Sep;149(18):1071-1079
(2) Escoda T, Retornaz F, Plauzolles A, Halfon P. SIBO, quand un mythe devient réalité [SIBO, from myth to reality]. Rev Med Interne. 2025 Jan;46(1):40-48
(3) Redondo-Cuevas L, Belloch L, Martín-Carbonell V, Nicolás A, Alexandra I, Sanchis L, Ynfante M, Colmenares M, Mora M, Liebana AR, Antequera B, Grau F, Molés JR, Cuesta R, Díaz S, Sancho N, Tomás H, Gonzalvo J, Jaén M, Sánchez E, Garayoa A, Moreno N, Gallén A, Cortés-Castell E, Cortés-Rizo X. Do Herbal Supplements and Probiotics Complement Antibiotics and Diet in the Management of SIBO? A Randomized Clinical Trial. Nutrients. 2024 Apr 7;16(7):1083
(4) Chedid V., Dhalla S., Clarke J.O., Roland B.C., Dunbar K.B., Koh J., Justino E., Tomakin E., Mullin G.E. Herbal therapy is equivalent to rifaximin for the treatment of small intestinal bacterial overgrowth. Glob. Adv. Health Med. 2014;3:16–24. doi: 10.7453/gahmj.2014.019
(5) Ren X., Di Z., Zhang Z., Fu B., Wang Y., Huang C., Du Y. Chinese herbal medicine for the treatment of small intestinal bacterial overgrowth (SIBO): A protocol for systematic review and meta-analysis. Medicine. 2020;99:e23737
(6) Guo H., Lu S., Zhang J., Chen C., Du Y., Wang K., Duan L. Berberine and rifaximin effects on small intestinal bacterial overgrowth: Study protocol for an investigator-initiated, double-arm, open-label, randomized clinical trial (BRIEF-SIBO study) Front. Pharmacol. 2023;14:1121435
(7) Knez E, Kadac-Czapska K, Grembecka M. The importance of food quality, gut motility, and microbiome in SIBO development and treatment. Nutrition. 2024 Aug;124:112464
Bild „Majoran“ by ivabalk from Pixabay
Bild „Thymian“ by Jürgen Köditz from Pixabay