skip to Main Content
Heilpraktiker Wanitschek & Vigl Berlin, Nansenstraße 31, 12047, Berlin - Telefon: 030/20865594

Neue Zeiten – Neophyten

Amaranthus retroflexus. Neophyt aus Südamerika

Neophyten sind Pflanzenarten, die einen Kontinent neu besiedeln und entfachen auf der ganzen Welt hitzige Diskussionen. Neophyten erregen die Gemüter, einige von ihnen gelten offiziell als „invasive aliens“, „Pest“, „Killerpflanzen“, sie bringen angeblich Schaden und Unheil in unsere Umwelt. Doch ihr Erscheinen bringt auch viel Gutes mit sich, viele Vertreter erleben eine Nutzung als Rohstofflieferanten, als Nahrungspflanzen und als Heilpflanzen. Neophyten sind Ausdruck des Wandels des Welt, der ganz wesentlich vom Menschen mitbestimmt ist. (1)

Die Dynamis des Menschen und der Wandel der Natur

Sobald eine alt jungsteinzeitliche Sippschaft irgendwo in den tiefen Wäldern am Rhein einen Ort für eine Bleibe gefunden hat, wurden Behausung und Stallungen errichtet, Bäume für die Feuer gefällt, die Menschen trampelten Wege in die Wildnis, brachten Pflanzen mit, die Ihnen oder ihren Tieren als Nahrung dienten, schufen für ihre Feiern Platz und Plätze für ihre Toten. Und dort, wo einst wohl ein dichter Buchenwald stand, ist ein Dorf entstanden.

Galinsoga parviflora. Das Franzosenkraut

Der Mensch hat sich geregt und sein Umfeld hat geantwortet, indem es sich verändert hat. Die Pflanzennatur hat den Wald zurückgezogen und die empfindsamen Pflanzen, die in Einsamkeit gedeihen, ausgetauscht mit den robusten einjährigen bis mehrjährigen Kräutern, die die Anwesenheit des Menschen lieben. Diese sind schnellwüchsig, vertragen die Rüpelhaftigkeit des Menschen, bedecken die Narben, die er der Mutter Erde beifügt, nähren sich von seinem Unrat und seinen Abfällen und stehen ihm in Not zur Seite. Und unter ihnen hat der Mensch seine ersten Arzneien gefunden, die Pflanzen rund um die Siedlung wurden seine Heilkräuter. Mit ihnen haben unsere Ahnen Beziehungen geknüpft, die bis heute Bestand haben, bewusst und unbewusst nahm der Mensch sie auf seine Reisen mit, sie folgten ihm, wenn er sein Lager wechselte, Flüsse überquerte und auch dann, als er seinen Fuß auf neue Kontinente setzte. Und so manche Pflanze wurde so zum Gefährten des Menschen.

Die Ära Kolumbus als biologischer Grenzstein

Jungtrieb von Robinia pseudoacacia

Mit der Ära Kolumbus wurden neue Dimensionen geschaffen. Der Mensch drängte danach, neue Länder zu erobern, und sich mit deren Schätzen zu bereichern: Auch die fremden Pflanzen, die er fern von zu Hause das erste mal erblickte nahm er mit und stellte sie in botanischen Gärten seinen Zeitgenossen zur Schau. Dem Drang des Menschen hat der Drang der Pflanzen geantwortet. Den meisten Neuankömmlingen war Europa eher unheimlich und man hielt sie künstlich und mit Mühe am wachsen. Andere, wie etwa die Kartoffel ließen sich hegen und pflegen und bereicherten als Speisepflanzen das Nahrungsangebot. Manche brachen aus den Mauern und Umzäunungen der botanischen Gärten aus und versuchten ihr Glück in der unbekannten Welt. Da sie neu dazukamen, kannten sie die Gepflogenheiten vor Ort nicht, stachen aus der dem harmonischen Nebeneinander hervor und traten massenhaft auf und verdrängen zum Teil die einheimische Flora. Ein solches Verhalten wird als invasiv bezeichnet, gerade in der heutigen Diskussion ist dies ein schnell gewählter Terminus. Invasive Neophyten, wie z.B. bei uns der japanischen Staudenknöterich, der Götterbaum, die Topinambur werden unter ungeheurem finanziellen Aufwand (Herbizidhersteller wird es freuen) bekämpft. Die Diskussion wird nicht selten emotional geführt und ist voll von militärischen Ausdrucksformen. Schuld sind meist die Neophyten selbst und die Gründe, die ihre Ausbreitung ermöglichen, werden selten erwähnt: Monokulturen, einseitige Forstwirtschaft, Düngemittel- und Pflanzengiftmissbrauch, Umweltzerstörung, Bodenvergiftung, globaler Warenverkehr und natürlich der Klimawandel.

Blüte vom kleinblütigem Springkraut

Die botanische Dynamik der Ära Kolumbus hält bis heute vor. Pflanzen die seitdem die Kontinente wechseln und die in der jeweiligen ansässigen Flora ihr Unwesen treiben nennt man Neophyten, “neue Gewächse”. Dies ist in erster Linie eine Definitionssache. Denn die meisten Vertreter, die uns jetzt als neu erscheinen, sind auf den zweiten Blick gar keine Neuankömmlinge, sondern Heimkehrer. Die großen Eiszeiten haben die Floren Europas entscheidend geprägt und in ihrer Artenzahl dezimiert. Anders wie auf anderen Kontinenten, auf denen die Gebirgszüge von Norden nach Süden laufen und somit die Flucht in den wärmeren Süden nicht verwehrten, versperrten die Alpen, die Pyrenäen, die Karpaten den Pflanzen wertvolle Rückzugsgebiete. Vor der Ära des Eises wuchsen auf dem europäischen Festland ganz selbstverständlich Götterbäume, Magnolien Tulpenbäume, Lorbeerbäume, Hamamelisträucher und noch viele weitere Pflanzen, die man heute keineswegs als einheimische Arten bezeichnen würde. (2)

Die Neophyten sind Boten des Wandels, sie sind sichtbare Zeichen der Veränderung, die der Planet von selbst und durch den Menschen erfährt. Natur heißt Wandel, kein Zustand ist der endgültige, das Leben ist auf Entfaltung angewiesen. Es ist seltsam und denkwürdig, dass wir, die wir in einer Zeit des raschen Wandels stehen, Angst vor Veränderungen haben und unser Umfeld konservieren möchten. Doch Natur kennt keine Stagnation. Ganz ähnlich der Buchenwald sich änderte, und die Natur am Rheinufer sich wandelte als die germanische Sippschaft sich niederließ, ganz so ändert sich die Flora im Wirkungsfeld des modernen Menschen. Auch wenn sein Tun von Seiten des Naturschutzes streng geprüft werden muss, seine unmittelbaren Auswirkungen sind durchaus nicht immer lebensfeindlich, sie stellen an die Natur oft neue, harte Bedingungen und oftmals neue Lösungen. (3)

Umsicht als Lösungsvorschlag

Mahonie: Nahrungs- und Heilpflanze

Eine Möglichkeit, sich produktiv dem Thema zu stellen, ist sich umzuschauen: Woher kommen die neue Pflanzen, und was wissen die dort lebenden Völker über sie. Welche Möglichkeiten der Nutzung bieten sich, als Rohstofflieferanten, Nahrunspflanzen, Heilpflanzen. Ganz so, wie die jungsteinzeitlichen Kräuterkundigen, ihre Apotheke rund ums Haus in der wandelnden Natur fanden, können auch wir vor die Tür treten und unter urbanen Bedingungen nach unseren Heilmitteln suchen. Auch führende Botaniker sprechen sich für mehr Akzeptanz aus und sehen dies als einzige dauerhafte Lösung an.  (3) 

 

Neophyten als Heilpflanzen am Beispiel des Götterbaumes (Ailanthus altissima)

Als Heilpflanzenkundler studiert man nicht nur die Pflanze im Schriftum, aus Wiederlesen von bereits Gedachtem,  sondern man erlernt vieles durch genaues Beobachten. Das plötzliche Auftreten einer gewissen Pflanze im Vorgarten eines Patienten, das sich Verbreiten einer Spezies in einem Dorf, die Wanderschaft von Gewächsen in der Großstadt.

In Berlin hat sich in den letzten Jahren besonders ein Baum, mittlerweile ohne menschlichen Zutun und trotz teilweiser massiver Bekämpfung breit gemacht: Der Götterbaum. Sein immens schnelles Wachstum (im jungen Stadium bis zu 2 m im Jahr und sein Anspruchlosigkeit, seine Resistenz gegenüber Herbiziden, Salzböden, Bodenverdichtung, Abgasen machen in zum perfekten Großstadtbürger. Doch ist er unbeugsam: Es sät sich rasch und zahlreich aus und seine Schösslinge wachsen kräftig aus den Mauerlücken, Kellerfenstern, Asphaltritzen empor. Er ist das Symbol von aufsteigender Kraft unter widrigen Umständen, er ist ein grünes Symbol für Anpassungsfähigkeit und Vitalität. Doch verspricht er dies auch in der Heilkunde?

Ailanthus altissima (4) zählt zu der Pflanzenfamilie der Simaroubiaceae, aus welcher ein anderer Vertreter in der Heilkunde sehr geschätzt wird: Quassia amara, das Bitterholz. In ihm, wie auch im Götterbaum finden sich als primäre Wirkstoffe Quassinoide, für welche eine antiplasmodische (gegen Malaria), antivirale, antibakterielle, insektizide, amöbizide (13), antitumorale (5), chemoprotektive (6) und antileukämische Wirkung als gesichert gilt. Primäre Indikationen von Ailanthus altissima sind große Schwäche. Als bitteres Tonikum wird er eingesetzt bei zehrende Krankheiten und Infektionen. Moderne Forschungen belegen Anwendungen bei Asthma (7), Allergie (8), Entzündungen (9) (10), chronischen Virus Erkrankungen, wie z.B. das Pfeiffersche Drüsenfieber mit dem Epstein Bar Virus (11) un der HIV- Virus Infektion (12).

Der Götterbaum zählt in der Pflanzenheilkunde zu den Tonika. Solche Tonika, Kräftigungsmittel sind wichtiger Bestandteil moderner Pflanzenheilkunde. Sie stärken die Vitalfunktionen, sorgen für ausreichende Entgiftung und Ernährung, sie stärken uns in Zeiten starker Beanspruchung und ungenügender Reserven.

 

Verwendete Literatur und weiterführende Links
(1) Wikipediaartikel Neophyten auf Wikipedia
(2) Küster. Geschichte des Waldes. C H Beck Verlag
(3) Ingo Kowarik: Biologische Invasionen – Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. Ulmer
(4) Wikipediaartikel Ailanthus altissima auf Wikipedia
(5) Fiaschetti G et al.
(6) Murakami C et al.
(7) Pubmed Antiasthmatische Aktivität von Ailanthus altissima (englisch)
(8) Pubmed Antiallergische Aktivität von Ailanthus altissima (englisch)
(9) Jin MH et al. Entzündungshemmende Aktivität von Ailanthus altissima (englisch)
(10) De Deo V et al.
(11) Kubota K et al. Wirkung von Quassinoide gegen Epstein Bar Virus (englisch)

(12) Chang YS et al. Koreanische Heilpflanzen und das HIV Virus (englisch)

(13) Hänsel, Sticher. Pharmakognosie- Phytopharmazie.
Zeig Neophyten die Zähne! Kulinarische Lösungsansätze für invasive Pflanzenspezies
Was heißt hier „fremd“? Ein Plädoyer des Biologen Josef Reichholf

Sukopp et al. Halb so wild: Neophyten in unserer Flora?

Back To Top