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Heilkunde am GehsteigArzneipflanzen in innerstädtischen Trittpflanzengesellschaften

Vorwärtszukommen kann für einen Menschen heutzutage schon alles bedeuten. Um dies innerhalb einer Stadt zu gewährleisten, laufen längst der Behausungen Gehsteige. Die Gehsteige der Städte sind vom Menschen geschaffene, funktionale Räume und in ihrem Erscheinungsbild stark von ihrer Nutzung geprägt. Sie erlauben dem Stadtmenschen ein relativ barrierefreies Vorwärtskommen, das er zumeist zu Fuß auf ihnen zurücklegt. Eine Gruppe von Pflanzen begleiten ihn auf diesen Wegen, denn auch sie profitieren von dem Nutzen der Gehsteige.

Spontanflora im trittsicheren Bereich

Nicht nur am Gehsteig, sondern auch in der Heilkunde gibt es zahlreiche Berührungspunkte zwischen dem Mensch und der Straßenpflanzen.  Kaum eine Pflanzengesellschaft weist eine so hohe Dichte an Arzneipflanzen auf wie die städtische Gehwegflora. Die Forschung und die Heilberufe sind auf der ständigen Suche nach neuen und trefflichen Therapeutika. Kann es sein, dass wir ein Teil davon direkt vor unser Haustüre finden könnten, dass die Suche nach modernen Heilmitteln zwischen den Pflastersteinen der Städte beginnen darf?

Heilkundige früherer Zeiten entnahmen die Heilmittel ihrer Apotheke zumeist dem unmittelbaren Umfeld ihrer Behausungen. Dieses Umfeld war zumeist ein von Mitgliedern der Gemeinschaft geprägter und mitbestimmter Ort. Die Gehsteige unserer modernen Städte und Siedlungen sind ebenfalls äußerst stark vom Menschen geprägte und gestörte Orte. Dieses erschwert natürlich die Ausbildung einer reichen Flora, doch erhöht sich gerade unter dem Einfluss der anthropogenen Störung die Vielfalt der Heilpflanzen. Die Regeneration eines gestörten Biotops erhöht die Dichte der Heilpflanzen in der Krautschicht.
Der Gehsteig stellt unter den Biotopen aufgrund des menschlichen Störpotentials einen Extremstandort dar: Neben der mechanischen Belastung, die zur Verletzung der Pflanzenstruktur, aber auch zu Verdichtung des Bodens führt, tritt die Belastung durch Dürreperioden, zeitweise aber auch durch Überschwemmungen, durch Hitze, durch Sauerstoffarmut im Boden, durch Salzeinwirkung (Salzstreuen im Winter) hinzu. Typisch für einen Extremstandort ist ein Nebeneinander von nur wenigen verschiedenen Spezies, die sich darauf spezialisiert haben, biologische Nischen zu besetzen. In der freien Natur kommen ähnliche Nischen mit ähnlicher Flora etwa im Bereich von Flussufern vor.

Querschnitt eines Gehsteiges mit Verbreitung der Trittpflanzengesellschaften

Die Trittpflanzengesellschaften

Die folgenden zwei Trittpflanzengesellschaften sind dominierend im innerstädtischen Raum Europas. Ihre grobe Differenzierung erscheint relativ einfach: An Stellen mit niederer Trittfrequenz bildet sich das Lolio- Plantaginetum heraus, an Stellen mit höherer Trittfrequenz das Bry- Saginetum, sofern das Gehsteigrelief es zulässt.

1. Das Lolio-Plantaginetum
Lolio Plantaginetum stellt mit den Hauptvertretern Lolium perenne, dem ausdauernden Lolch, Plantago major, dem Breitwegerich und Polygonum avicularis, der Vogelknöterich die häufigste Trittpflanzengesellschaft Mitteleuropas dar. An wärmeren Standorten tritt die Schuttkresse, Lepidium ruderale hinzu und entlang von Straßen mit Salzstreuung Puccinella distans, der gewöhnliche Salzschwaden. Auch der Löwenzahn (Taraxacum officinale) und das Hirtentäschel, Capsella bursa-pastoris kommen als relativ trittresistente Rosettenpflanzen häufig vor, auch wenn sie ihren Schwerpunkt in anderen Pflanzengesellschaften haben. Des weiteren findet sich bisweilen eine zahlreiche Beimengung mit strahlenloser Kamille, Matricaria discoidea und dem kanadischen Berufkraut, Erigeron canadensis.
2. Das Bryo- Saginetum
Während die Vertreter des Lolio. Plantaginetum sich meist über das schützende Niveau der Pflastersteine erheben, finden sich diese des Bryo- Saginetum meist im Schutz der Pflasterritzen. Sie zeigen einen höheren Wasserbedarf und eine niedrigere Trittresistenz. Zu den Charakterarten zählen das niederliegende Mastkraut und das Silbermoos, ferner gesellen sich unter anderem auch bisweilen Herniaria glabra, das Bruchkraut, sowie diverse Lebermoose hinzu. Das Bryo- Saginetum ist sehr artenarm.

Heilpflanzen am Gehsteig

Löwenzahn und Vogelknöterich. Typische Vertreter des Lolio- Plantaginetum

Aus den beiden Trittpflanzengesellschaften möchte ich folgende Vertreter mit ihrer pharmazeutischen Dynamik vorstellen. Oft zeigt sich diese eng mit ihrem charismatischen Erscheinungsbild, mit ihrer Präsenz am Extremstandort Gehsteig verknüpft.
1. Polygonum aviculare. Der Vogelnöterich
2. Plantago Major, der Breitwegerich.
3. Capsella Bursa Pastoris, das Hirtentäschel.
4. Die strahlenlose Kamille. Matricaria discoidea.
5. Der Löwenzahn. Taraxacum officinale.
6. Die Schafgarbe. Achillea millefolium
7. Die Quecke. Agropyrum repens.

8.
Herniaria glabra. Das Bruchkraut
9. Trifolium repens, der Weiss-klee

Weitere Vertreter der Gehsteigvegetation finden ihren Niederschlag in der Heilkunde.
Hier nur ein Auszug: Erigeron canadensis, das kanadische Berufkraut, Hordeum murini, die Mäusegerste, Sisymbrium officinale, die Wegerauke, Marchiantatae spec., die Lebermoose, Cirsium arvense, die Ackerkratzdistel, Lactuca serrola, der Kompasslattich, Sagina procumbens, das niederliegende Mastkraut, die verschiedenen Melden- und Gänsefußarten.

Gemeinsamkeiten der Vertreter der innerstädtischen Trittpflanzengesellschaften

  • Dominanz von in der Evolution sehr früh auftretenden Pflanzenfamilien, so die Moose, die Gräser, die Wegeriche, die Knöteriche. Die Blütenbildung fällt demnach vergleichsweise schmucklos aus, doch ist die Blüte meist reichlich und dementsprechend auch die Samenbildung. Meist einjährige Vertreter.
  •  Die Interaktion mit der Umwelt ist in ihrer Komplexität noch relativ einfach, es findet sich zumeist Windbestäubung, weniger durch Insekten. Der Mensch ist jedoch an der Florenentwicklung beteiligt. Verbreitung der Samen oft durch Verschleppung durch den Mensch.
  • Ausbildung von Grundrosetten oder rosettenähnlichen, trittresistenten Wuchsformen.
  •  In der pharmazeutischen Dynamik der Trittpflanzengesellschaft treten einfache Bildungen und Stoffe hervor, allen voran die Kieselsäure. Der Kieselsäuregehalt  alleine macht die Vertreter zu wertvollen Arzneimitteln mit tiefgehender Wirkung, denn die biologisch verfügbare Kieselsäure, wie wir sie aus Pflanzen beziehen können, gehört zu den wirkungsvollsten Therapeutika der biologischen Therapie.

Wirkweisen und Indikationsgebiete 

Plantago major. Breitwegerich

Unter den erwähnten Heilpflanzen finden wir zahlreiche Spezifika, das heißt Heilpflanzen, deren heutige Anwendung sich vor allem auf wenige Einsatzfelder beschränkt, als auch Polychreste, eine Bezeichnung für Therapeutika mit sehr breiten Einsatzmöglichkeiten. Diese zeigen eine positive Wirkung auf zahlreiche wichtige Organsysteme im Körper und verhelfen mittels verbesserte Regulation zu einer Kräftigung des Organismus. Allen voran steht hier der Löwenzahn, Taraxacum officinale mit den primären Wirkorten: Leber, Niere, Pankreas, Gelenkstoffwechsel.

  • Zieht man durch die belegten Anwendungen der zahlenmäßig am häufigsten auftretenden Pflanzen, so tritt vor allem die hämostyptische Wirkung in den Vordergrund, des weiteren die Wirkung auf regulative Prozesse im Bindegewebe, sowie dessen Strukturen und Ausbildungen, allen voran die Schleimhäute (Magen, Darm, Lunge, Niere, Blase). Neben der blutstillende Wirkung zeigt sich ein weiterer Bezug zu den Körpersäften und dem Wasserhaushalt:
  • Die meisten Vertreter der Trittpflanzengesellschaften weisen einen deutlichen Bezug zum Urogenitale auf. Einerseits lassen sich Therapeutika für die Blase auf der Flora der Gehsteige finden (allen voran Achillea, Hernaria, Plantago major) als auch Nierentherapeutika (vor allen Taraxacum, Plantago, Agropyrum), welche diuretisch wirken, somit entschlackend und entgiftend.
  • Als dritten großen Aspekt findet sich die Frauenheilkunde. Besonders relevant sind hierbei Bursa pastoris, Achillea millefolium, Plantago major, Trifolium repens.

 

Gemeinsam ist den meisten hier genannten Vertretern, dass sie den Höhepunkt ihrer medizinischen Anwendung schon überschritten haben. Doch historische wie aktuelle Anwendung, sowie Erkenntnisse aus moderner Forschung zeugen von der Aktualität der Heilpflanzen des Gehsteigs. Sie sind Bestandteile moderner Phytotherapie.

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