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Capsella Bursa Pastoris. Das Hirtentäschel
Aus der Reihe: Arzneipflanzen in innerstädtischen Trittpflanzengesellschaften 

Ein freudiges Jubilieren: Bursa Pastoris

Am Bordstein steht ein eigenartiges Pflänzlein, an vielen Armen reckt es kleine Köfferchen und Taschen empor, ganz wie ein eiliger Reisender, der sich mit beiden Armen ein Taxi herbeiruft. Außer Taschen scheint es auch nichts Überflüssiges mitzuführen, seine Gestalt ist drahtig und schmucklos, auf Blätter scheint es bisweilen ganz zu verzichten und die Blüte, nun gut, blühen muss es auch, das macht es scheinbar nebenbei, am obersten Ende seines Stängels werden je vier winzige, weiße und schmucklose Blätter entpackt, welche dann rasch in einem Köfferchen verschwinden. Und die Köfferchen und Taschen werden immer mehr, immer mehr Ärmchen erscheinen und halten das Gepäck beisammen. Wohin die Reise geht? Das Hirtentäschel hat sich mit der erhöhtem Verkehrsaufkommen in Europa verbreitet, ursprünglich stammt es aus dem Mittelmeerraum. Nun reist es gern durch Städte, größere und kleinere Ortschaften, Hauptsache es sind nur Menschen in der Nähe, und genug Verkehrstrubel. An den Straßenrändern und Gehsteigen lässt es sich dann gut ausruhen, sein Gepäck sortieren und weiter geht die Fahrt.

Das Hirtentäschel, denke ich mir, und eben streiche ich mir beim Tippen dieser Zeilen über den Rücken der rechten Hand, ist ein sehr moderne Heilpflanze. Für so manchen Tastaturakrobaten zeigt sich die Behandlung mit Herba Bursae, dem Kraut des Hirtentäschels als Wohltat, sind seine Sehnen vom vielen Hüpfen der Finger auf den Tasten schmerzhaft und entzündet. Warum es das kann, das hat mit seinem etwas muffigen Geruch zu tun, doch davon später. Nicht nur lästige Sehnenscheidenentzündungen gehören zu den Anwendungsbereichen des Hirtentäschels.

Aus der Geschichte der Blutstillung

Macht man einen Querschnitt durch die Wirkbereiche aller heute und zu früheren Zeiten verwendeten Medizinalpflanzen des Gehsteigbiotopes, so zieht sich eine Wirkung wie ein rotes Band durch die Pflanzen der Stadtwege: Ihre blutstillenden Eigenschaften. Diese beruht in den Pflanzen auf verschieden Stofflichkeiten, manchmal ist es der hohe Gehalt an Kieselsäuren, Vitaminen, mal gefäßaktive Farbstoffe und Gerbstoffe, mal eine positive Auswirkung auf die Vitamin-K – produktion.

Die Geschichte von den Methoden der Blutstillung ist wohl so alt wie die Geschichte der Menschheit an sich, und ihr Wissen gehört zu dem elementarsten Wissen der Medizin. Verlässt das Blut seine Bahnen, tritt es in das Gewebe oder aus dem Körper heraus, so verliert der Organismus einen kostbaren Saft, dessen Menge gering ist und dessen Zirkulieren in vorgesehenen Bahnen Prämisse seines Lebens ist. Die ursprünglichste Methode, das Abdrücken der blutenden Stelle, etwa mit dem Finger und die mechanische Kompression hat sich bis heute erhalten. Je nach Epoche und Kultur wurden zudem andere Methoden entwickelt, um den Verlust des Lebenssaftes zu stoppen. Dies reicht vom Besprechen und Verbannen der Unglücksgeister, hin zur moderner Chirurgie und Medikamentation. Entscheidend für die Wahl der Methode ist die Kenntnis von der Ursache, der Lage und dem Ausmaß der Blutung. Bis heute hat sich bei bestimmten Indikationen die lokale wie orale Anwendung von sogenannten Hämostyptika auf pflanzlicher Basis bewährt.

Das Hirtentäschel und die Menstrualblutung. Ein Beitrag zur ganzheitlichen Frauenheilkunde

Es wäre einem Notarzt jedoch nicht anzuraten, ein offenes Bein am Straßengraben mit der im Mund zerkauten Rinde eines Alleebaumes zu versorgen, zumal er hierfür trefflichere Mittel mit sich führt, doch leisten pflanzliche Blutstiller mit ihrer sanften, aber doch stringenten Wirkweise immer noch gute Dienste im medizinischen Alltag, etwa bei der Behandlung von Frauenkrankheiten, insbesondere bei langwierigen gynäkologischen Blutungen, starken Regelblutungen (Hypermenorrhö) und verlängerten Zyklusblutungen (Menorrhagien) und manchen Myomblutungen. Die genaue Kenntnis der Heilpflanze und deren Anwendung und des Krankheitsfalles, sowie die fachgerechte Klärung der Sachlage durch einen Arzt vorausgesetzt. Zur Anwendung kommt das Hirtentäschel hier mit direkten Nachbarn des Gehsteigbiotops, nämlich mit Artemisia millefolium, der Schafgarbe und Plantago Major, dem Breitwegerich.

Das Hirtentäschel wirkt sanft und ohne Nebenwirkungen, doch in seiner Wirkung auf den Uterus gleicht es einem starken, auch gefürchteten Heilmittel, dessen Anwendung heutzutage fast ausschließlich nur noch in der homöopathischen Verdünnung Zuspruch findet: Das Mutterkorn, Secale cornutum. Das Mutterkorn ist die Überwinterungsform eines Pilzes, Claviceps purpurea, welcher auf den Roggenähren vorkommen kann. Dieser zeigt im Vergiftungsbild heftige Wirkung auf das Gefäßspiel, bis hin zum Absterben von Körperpartien aus mangelnder Durchblutung. Diese Affinität zur Durchblutung findet sich auch im Gebrauch von Herba Bursae Pastoris wieder. So finden sich in volkstümlicher und aktueller phytotherapeutischen Anwendung auch Erkrankungen vor, bei denen der Gefäßkrampf zur Ursache liegt: Nämlich Migräne, Morbus Raynaud, arterielle Minderdurchblutungen, hoher Blutdruck.

Die Senfölglykoside von Bursa Pastoris

Brüht man sich einen Tee auf, der in seiner Zusammensetzung einen großen Anteil an Hirtentäschel enthält, wird man sonderlich vom Geruch überrascht sein: Der Tee riecht irgendwie nach Kohl. Denn wie dieser besitzt es schwefelhaltige ätherische Öle, die entzündungshemmend, entgiftend und bakteriostatisch sind und dem Darm wohl tun. Sie regulieren die Zusammensetzung der Darmflora, verhelfen somit einem trägen und verstopftem Darm zu einem ausgewogenen Gleichgewicht. Dieses kann durch falsche Ernährung, Stress und letztendlich Antibiotikaeinnahme gestört sein. Somit findet sich hier ein Kraut für nervöse Stadtmägen und gestresste Gedärme.

Am Bordstein steht ein Pflänzlein, es ist ganz schmal und wirft beinahe keinen Schatten. Seine Köfferchen sind voll mit kleinen Nüsschen. Die wird es in den Wind schmeißen, mit dem wir mit unserm Fahrrad auf dem Gehsteig dahinbrausen. Weiter vorne werden die Nüsschen liegen bleiben, sich aufrichten und rasch damit beginnen, ihr Gepäck zu sortieren.

Verwendete Literatur und weiterführende Links
Vigl Sebastian Arzneipflanzen in innerstädtischen Trittpflanzengesellschaften 

Oskar Ausserer Volkmedizin aus dem Naturschatz Tirols (pdf)
Michael Sachs Zur Geschichte der Blutstillung (pdf)
Kuroda K Experimentelle tumorhemmende Wirkung von Bursa Pastoris
Oberdorfer E (1979): Pflanzensoziologische Exkursionsflora. Ulmer
Rothmaler W. (2000) Exkursionsflora von Deutschland. Spektrum akademischer Verlag
Hänsel, Sticher: Pharmakognosie, Phytopharmazie. 7. Auflage
Wittig R. (2002): Siedlungsvegetation. Ulmer
Gerhard Madaus (1979): Lehrbuch der biologischen Heilmittel.
Boericke W. (2007) Handbuch der homöopathischen Arzneimittellehre. Narayana Verlag
HagerROM (2006). Springer Medizin Verlag Heidelberg
Weiss R. F. (1960) Lehrbuch der Phytotherapie. Hippokrates- Verlag

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