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Heilpraktiker Wanitschek & Vigl Berlin, Nansenstraße 31, 12047, Berlin - Telefon: 030/20865594

Plantago major. Der Breitwegerich
Aus der Reihe: Arzneipflanzen in innerstädtischen Trittpflanzengesellschaften

Von den Entdeckungen am Gehsteig

Wegerich. Der König am Weg

Man kann folgenden Versuch machen: Man kann sich als Gruppe auf den Gehsteig stellen und am besten in hockender Weise das Bordsteingrün untersuchen. Trifft auf unsere Gruppe nun ein ahnungsloser Passant, so wird man an ihm beobachten können, wie er das seltsame Tun der Gruppe zu enträtseln sucht, ob denn womöglich sich etwas Wertvolles, Einzigartiges dort am Boden befindet, von dem er noch nichts weiß. Je nach Charakterart wird der eine kopfschüttelnd weiterlaufen, der andere wird ein paar Schritte später sich vorsichtig umdrehen, um sich ein besseres Bild von der Situation machen zu können, manch einer wird sich vielleicht zur Gruppe dazugesellen.

Den Breitwegerich, Plantago Major zählt der Botaniker zu einen der Hauptvertretern der sogenannten Trittpflanzengesellschaft. Wir finden diese Gesellschaft häufig im urbanen Raum, vor allem dort, wie der Name schon verrät, wo der Mensch seinen Fuß hinsetzt. Auf Gehsteigen, Bahnhöfen, auf Fußballplätzen und Schulhöfen, begehbaren Brachengrundstücken, stark frequentierten Park- und Vorgartenabschnitten. Der Breitwegerich bildet mit den anderen Vertretern der Gesellschaft eine Art „Arbeitsgemeinschaft“, die sich darauf spezialisiert hat, unter vergleichsweise widrigen Umständen, Leben hervorzubringen. Die Rolle des Menschen ist hierbei unübersehbar: Er verbreitet die Samen mit seinen Schuhen, er hält lästige Konkurrenten, die die harten Sohlen nicht gewöhnt sind, vom Leib, er düngt sein Biotop mit organischen Abfällen und dem täglichen Gassigang mit dem Hund. Jeder von uns ist also auf seinen Wegen quer durch die Stadt aktiver Bestandteil der Trittpflanzengesellschaft. Ganz ähnlich wie die anderen Vertreter der Trittpflanzengesellschaft, nämlich in erster Linie Vogelknöterich, einjähriges Rispengras, strahlenlose Kamille, Löwenzahn zeichnet sich auch der Breitwegerich durch ein vielzählige Samenbildung (bis zu 40.000 Samen pro Pflanze) und durch eine starke Verbreitungstendenz aus.

 Inhaltstoffe und Wirkweisen des Breitwegerich, des Königs der Wege

Was bringt nun eine Pflanze wie der Breitwegerich in der Therapie, eine Heilpflanze, welche inmitten der widrigen Umstände einer Großstadt wie Berlin in Scharen wächst, und mit Extrema wie Straßensalz, Dürr- und Hitzeperioden, Überschwemmung und physikalische Schädigung durch Trittbelastung zurechtkommen? Der Breitwegerich kümmert sich in wunderbarer Weise um die äußeren und inneren Häute des Menschen, welche ebenfalls direkt schädigenden Umwelt- und Inwelteinflüssen ausgesetzt sind. Unter den Wirkorten des Breitwegerich in der Medizin und volkstümlichen Anwendung findet sich die äußere Haut als solche, sowie eine Reihe von Schleimhäuten. Die Schleimhäute finden sich, ähnlich wie der Breitwegerich auf dem Gehweg, ständig schädigenden chemischen, physikalischen, mikrobiellen und mechanischen Einwirkungen ausgesetzt. Wenn wir z.B. die Magenschleimhaut betrachten, so finden wir dort als schädigende Faktoren die extreme Säurelast und die mechanischer Einwirkung, sowie Nahrungsnoxen und -keime. Ist eine Schleimhaut oder die Haut affektiert, so rät sich bisweilen der Gebrauch von Breitwegerichkraut.

Eine Reihe von Inhaltsstoffen kann diese Affinität erläutern: Ganz typisch für die Trittpflanzengesellschaft finden wir in ihr Vertreter mit einem hohen Gehalt an Kieselsäure, welche der Pflanze unter anderem ihre Belastbarkeit verleiht. Gemeinsam mit den Schleimstoffen sorgt sie für eine Kräftigung der Schleimhäute. Das im Wegerich enthaltene Zink und die enthaltenen Gerbstoffe sorgen für eine raschen Wundschluss bei Geschwüren und Hautverletzungen. Das Iridoidglykosid Aucubin wird von unserer Darmflora in den antibiotisch wirkenden Stoff Aucubigenin überführt. Zudem wurden für Aucubin leberschützende Effekte beschrieben, welche die Leberzellen vor schädigenden Noxen, unter anderem vor Chemotherapeutika und anderen Medikamenten bewahren. Die leberprotektive Wirkung des Breitwegerichs ist aber schon länger in Fachkreisen bekannt (1), und wird von deutschen Ärzten der frühen Jahre des letzten Jahrhunderts geschätzt. Aucubin wirkt, wie in Studien belegt, schützend auf Nervenzellen (2)(3), hat einen positiven Einfluss bei Osteoporose und Alterungsvorgängen (4), auf die Wundheilung (5), bei der Hautregeneration (6) und wirkt antispasmodisch (7), einen Umstand, den man bei der Behandlung Krankheiten ausnutzt, die mit Husten einhergehen. Seine Wirkungen auf die Haut machen ihn zu einem wichtigen Therapeutikum bei dermatologischen Erkrankungen, wie z.B. Psoriasis und Neurodermitis. Seine beruhigende Wirkung auf die Darmschleimhaut kann bei Reizdarm hilfreich sein.

Plantago Major. Eine Robuste Erscheinung

Ganz seinem alten deutschen Namen gemäß, nämlich „König der Wege“ (siehe: die Wortendung -rich, altdeutsch für König) kümmert sich der Wegerich um die inneren Wege, nämlich um die gesamte Wegstrecke des Verdauungsapparates, angefangen bei der Mundhöhle (Aften und Zahnschmerzen), des Urogenitalssystems, des Atemtraktes (wobei hier bisweilen der Spitzwegerich bevorzugt wird), des Gehörs, um den Gehörgang, aber auch um die Wegstrecke des Blutes, so er als altes blutstillendes Mittel bekannt ist. Richtig eingesetzt fördert er die Heilung bei Ohrenentzündung, Magen- und Darmulcerationen, Blasenleiden, Hautleiden, wie zb. verschiedene Dermatiden. Seine antiviralen, immunmodulatorischen und zytotoxischen (8) (9) Wirkungen machen seinen Einsatz als unterstützende Heilpflanze bei chronischen Infektionen  plausibel.

 Der Breitwegerich und die Zigarettenstummel

Sieht man sich den Wuchsort eines berliner Breitwegerichs einmal genauer an, wird man finden, dass die Pflanze keine Abneigung gegen Zigarettenstummeln haben kann, er teilt sich die kostbaren Gehsteigritzen mit unzähligen Resten der rauchenden Bevölkerung. Und der würde es vielleicht nicht schlecht bekommen, ab und zu ein Tässchen Breitwegerichtee zu sich zu nehmen, finden sich doch in der historischen Anwendung, sowie im entsprechenden homöopatischen Mittelbild Hinweise darauf, dass diese Heilpflanze dem Raucher das Entwöhnen erleichtere, indem sie ihm den Zigarettengeschmack mies mache. Wenn es also um die Raucherentwöhnung geht, so ist der Breitwegerich sicherlich ein guter Ratgeber. So soll er zudem die Symptome Abgeschlagenheit und Schlaflosigkeit mildern, einen Umstand, dem man vielleicht auf den bemerkenswerten Zinkgehalt zurückführen kann. Sollte die Raucherentwöhnung trotz Breitwegerich nicht klappen, so ist er trotzdem als regelmäßiger Teebestandteil anzuraten bei lästigem Raucherhusten.

Ein weiteres Übel könnte der Breitwegerich dem gestressten Berliner ohne Umstände gerne abnehmen. In der historischen Überlieferung, wie auch in moderner Anwendung zeigen sich seine Fähigkeit, Kopfschmerzen, besonders jene auf nervöser Grundlage zu lindern.

Verwendete Literatur und weiterführende Links
(1) Türel I et al Hepatoprotektive und antiinflammatorische Wirkung von Plantago major (englisch)
(2) Xue HY et al Neuroprotektive Wirkung von Aucubin (englisch)
(3) Xue HY et al Neuroprotektive und antioxydative Wirkung von Aucubin (englisch)
(4) Kang Z et al Pharmakologische Wirkungen von Aucubin (englisch)
(5) Shim KM et al Effekte von Aucubin auf die Wundheilung (englisch)
(6) Ho JN et al Protektive Wirkung von Aucubin auf Hautzellen (englisch)
(7) Ortiz de Urbina AV et al Antispasmodische Wirkung von Aucubin (englisch)
(8) Chiang LC et al Zytotoxische, antivirale und immunmodulatorische Wirkung von Plantago major (englisch)
(9) Chiang LC et al Immunmodulatorische Aktivitäten von Plantago Spezies (englisch)
Vigl Sebastian Arzneipflanzen in innerstädtischen Trittpflanzengesellschaften 
Oberdorfer E (1979): Pflanzensoziologische Exkursionsflora. Ulmer
Rothmaler W. (2000) Exkursionsflora von Deutschland. Spektrum akademischer Verlag
Hänsel, Sticher: Pharmakognosie, Phytopharmazie. 7. Auflage
Wittig R. (2002): Siedlungsvegetation. Ulmer
Gerhard Madaus (1979): Lehrbuch der biologischen Heilmittel.
Boericke W. (2007) Handbuch der homöopathischen Arzneimittellehre. Narayana Verlag
HagerROM (2006). Springer Medizin Verlag Heidelberg
Weiss R. F. (1960) Lehrbuch der Phytotherapie. Hippokrates- Verlag

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