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Polygonum aviculare. Der Vogelknöterich
Aus der Reihe: Arzneipflanzen in innerstädtischen Trittpflanzengesellschaften

Der Gelenkige im Straßenbett

Im Trittbereich: Vogelknöterich

Wenn man die langsamen Bewegungen des Vogelknöterichs wahrnehmen könnte, so würde man vielleicht bisweilen beim morgendlich Gang zum öffentlichen Nahverkehr einen Schritt zur Seite machen, da man eben einen Arm wahrgenommen hat, der sich aus den schützenden Tiefen einer Gehsteigritze emporschiebt. Doch der Vogelknöterich tut dies in bedächtiger Weise und weiß schon, auf seine Arme achtzugeben. Und wie uns für die Bewegungen der unscheinbaren Pflanze der Sinn fehlt, so fehlt vielleicht auch dem Knöterich der Sinn, unser Dahinhuschen wahrzunehmen und den Grund für diesen schnell vorüberziehenden Schatten zu begreifen. Ein jeder lebt in seiner Zeit. Für uns mag es vielleicht so aussehen, als hätte der Kollege da unten auch jede Zeit der Welt.

Doch beide sind wir geschäftig, jeder auf seine Weise. Wir, mit dem einem Ohr noch beim Frühstück, mit dem anderen schon bei den Weisungen der Arbeit, eilen unserem Broterwerb entgegen, Tag für Tag mit mal schnellerem mal langsameren

Schritt zur Sicherung unserer Lebensgrundlage. Dafür ist es unumgänglich, dass wir laufen. Das nun ist dem Vogelknöterich zwar erspart, doch die Themen Nahrungsbeschaffung, eigenes Wachstum und Fortpflanzung, Vergehen und Werden bestimmen auch seinen Alltag. Wer als Pflanze auf dem Pflaster eines Großstadt überleben will, darf auch nicht faul sein. Und präsent ist der Vogelknöterich dort allemal.Falls er ein Bild von uns haben sollte, dann ist das sicherlich von einem anderen Tier geprägt, das scheinbar ebenso emsig über und zwischen dem Pflaster huscht: Die Ameisen. Mit diesen ist er schon eine weitreichende Beziehung eingegangen, dann sie bestäuben ihn und verteilen seine Brut. Dabei ist es erstmal hintergründig ob die Ameise von Pflanze zu Pflanze läuft, oder an den Blüten einer Pflanze verweilt, denn der Knöterich gibt sich auch mit Selbstbestäubung zufrieden. Diese Interaktion mit der Tierwelt stellt den Vogelknöterich innerhalb der Trittpflanzengesellschaft auf eine besondere Stufe, finden wir beim Rispengras und beim Breitwegerich vorwiegend Windbestäubung.

Kieselsäure, das organische Kristall

Der Name Polygonum enstammt dem Lateinischen und bedeutet Viel- knie. Bei der Betrachtung der Pflanze können wir an jedem Blattansatz eine Drehung der Sprossachse feststellen, wie an einem Gelenk. Gelenke ermöglichen Bewegung in starren, verfestigten Strukturen. Unser kompaktes Knochenskelett ist aufgrund der Gelenkverbindungen und der zumeist muskulären Interaktion am und im Gelenk flexibel. Unser inneres Tun, Verdauen, Herzschlag, Atmung, Denken ist nicht so sehr auf das Vorhandensein und die Funktionalität von Gelenken angewiesen, wie unser äußeres Tun, etwa Schreiben, zur Tasse greifen, Fahrradfahren, selbst Sprechen. Gelenkflächen stellen einen Übergang dar zwischen festem Knochen und fluider Gelenksflüssigkeit, sie bilden und regenerieren sich aus dem wässrigen Substrat, indem sie wie in einer Nährlösung liegen. Diese wird langwierig über Diffusion aus den umliegenden Bindegewebe ernährt. Kieselsäure erhöht die Leistungsfähigkeit der bindegewebigen Strukturen. Im Vogelknöterichkraut finden sich 1% Gesamt- und 0,08% dekoktlösliche, also mit heißem Wasser lösbare Kieselsäure (WEISS). Damit zählt die Droge zu den Kieselsäurepflanzen und wird bei den einheimischen verwendeten Pflanzen wohl nur vom Schachtelhalm (bis zu 0,6 % dekoktlösliche Kieselsäure) übertrumpft. Kieselsäurereichtum gehört unter anderem zu den großen Gemeinsamkeiten innerhalb der Trittpflanzengesellschaft, allen voran bei Poa annua, Plantago Major, Lolium perenne und Agropyrum repens. Als Städter achten wir zumeist sehr auf die Angemessenheit und Funktionalität unserer Kleidung, von der Fahrradhose hin zur Allwetterjacke. Wenn wir auf die Funktionalität unserer Leistungs- und Leitungsgewebe im Körper achten wollen, werden wir Kieselsäure zu uns nehmen müssen. Sie führt zu Resistenzsteigerung, Leistungsbereitschaft, hilft bei der Ausformung der festen Strukturen als auch bei den Bildungen im Wässrigen, hält die Zellen jung und dynamisch. Kieselsäure erhöht unsere Anpassungsfähigkeit und damit das Maß an Flexibilität, die ein modernes Leben einfordert.

Robust und gelenkig

Was man von der Kieselsäure erwarten kann, kann ein einfacher Kieselsäuretee vollbringen. Präparate aus Kolloide Kieselsäure sind vollkommen überflüssig (WEISS).
Zudem nehmen wir bei einem Tee aus Knöterich etwa, weitere bioaktive Stoffe auf, die die Wirkung des Elementes unterstützen. Darunter finden sich gefäßprotektive Flavonoide, Zink und verschiedene Gerbstoffe. Diese Mischung wirkt antifibrotisch (1) bei Verhärtungen und Narbengewebe, zeigt sich erfolgreich bei Entzündungen im Mundraum als Spülung (2), bei Katarrhen der Luftwege, bei chronischen Blutungen, antioxydativ (3) und wundheilend bei Ulzerationen und Entzündungen im Magen- Darmtrakt. Ferner werden durch die phytotherapeutischen Anwendung Gries- und Steinleiden, Gelenksbeschwerden günstig beeinflusst.

Stellt man sich an einem Dezembertag vor die Tür und lässt seine Aufmerksamkeit am Ufersaum eines gründerzeitlichen Gehsteigs entlang wandern, so vermag man vielleicht es wahrzunehmen: Ein scheues Wesen, ünzählige Beine tastend wie Fühler ausstreckend, ja der ganze Körper scheint nur aus Fühlern zu bestehen. Und so kriecht es, in seiner Mitte ruhend zwischen den Steinen entlang, je nach Lage dreht es sich in seinen unzähligen Gelenken, richtet sich an sicheren Plätzen auf, so zart, dass man es streicheln möchte, ein heilsam lebendiges Geschöpf aus dem Dreck der Straße.

Verwendete Literatur und weiterführende Links
(1) Nan JX et al Antifibrotische Effekte eines Vogelknöterichextraktes (englisch)
(2) González Begné M et al Vogelknöterich bei Gingivitis (englisch)
(3) Tao-Yuan et al Antioxydative Effekte von Polygonum aviculare (englisch)
Oberdorfer E (1979): Pflanzensoziologische Exkursionsflora. Ulmer
Rothmaler W. (2000) Exkursionsflora von Deutschland. Spektrum akademischer Verlag
Hänsel, Sticher: Pharmakognosie, Phytopharmazie. 7. Auflage
Wittig R. (2002): Siedlungsvegetation. Ulmer
Gerhard Madaus (1979): Lehrbuch der biologischen Heilmittel.
Boericke W. (2007) Handbuch der homöopathischen Arzneimittellehre. Narayana Verlag
HagerROM (2006). Springer Medizin Verlag Heidelberg
Weiss R. F. (1960) Lehrbuch der Phytotherapie. Hippokrates- Verlag

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